L’8 de Lausanne (DE)

Ein Konzertprojekt

Niklaus Keller, Komposition

Kurze Präsentation

Die Besetzung des Ensembles ist Flügelhorn, Tenorsaxofon, Posaune, elektrische Gitarre, Vibrafon, Synthesizer, elektrischer Bass und Drum-Set. Auf dem Program stehen zwölf Stücke mit einer Gesamtdauer von 45 Minuten.


Ein innovatives Konzept

Weder gänzlich abstrakt, noch ausschließlich konkret, greift die Musik auf eine Vielfalt von Traditionen zurück, um sowohl mit ihrer emotionalen Kraft als auch mit ihrer rationalen Gestaltung zu begeistern. Trotz der Beziehung zur Tradition, entzieht sich die Musik jedem schematischen Konformismus und behauptet sich durch ihre Einzigartigkeit und Eigenständigkeit.

Das Projekt vereint Stilmittel aus verschiedenen Musikgenres: Aus der ernsten Musik verwendet es mehrschichtige, polyphone Arrangements und Geräusche (Bsp. Chrome Shuffle und Chicken Chase). Aus dem Jazz die Improvisation und den Drive (Bsp. Recycle). Aus der Rockmusik die antreibende Kraft (Bsp. The Time For Renewal) und aus dem Pop die Sounds (Bsp. Polytrigger).


Intro, Rough Mix, Take 3

Brazen Tracer, Rough Mix, Take 7, edited version

Termine

LocationDatumBestätigt
Schaffhausen, Haberhaus8. Dec. 2022, 20:30ja

Weitere geplante Aufführungen:

Schweizer Fernsehen, ein Beitrag von Roman Hošek, 2023

Offbeat Festival, Basel, 2023


Sieben Stücke vorgestellt

Chrome Shuffle

Das Stück führt von einem an die Barockzeit erinnernden Kanon sukzessive zu einer Harmonik mit viel Chromatik respektive zu einer moderneren Klangsprache. Das Drum-Set spielt einen Shuffle Groove und sorgt für Drive. Das Stück spricht auf einer emotionalen Ebene an, kann aber auch Hörer begeistern, die analytisch hören und z.Bsp. gerne den verschiedenen Stimmen mehrstimmiger Musik folgen. Es beginnt mit einem vierstimmigen Zirkelkanon. Nach den Einsätzen aller vier Stimmen, die jeweils um eine kleine Terz verschoben sind, setzen Flügelhorn und Drum-Set ein. Das Flügelhorn hat seine eigene chromatische Melodie während die Stimmen des Kanons weiterlaufen. Hierauf wird das Material verarbeitet und die Instrumentation variiert. Der Synthesizer spielt eine Stimme des Kanons mit einem Pluck-Sound, später Akkorde mit langen Noten mit einem Streicherklang. Zusätzlich übernimmt er Sirenenklänge mit der ACME Sirenenpfeife 147. Ab Takt 61 wird das Stück harmonisch dichter und die Akkorde wechseln auf jeden Schlag. Die Akkordfolge wird auch hier alle zwei Takte um eine kleine Terz nach oben verschoben. Hierauf werden die Melodien schrittweise geführt. Das Stück ist nun noch dichter, weil es innerhalb weniger Zeit mehr verschiedene Noten hat. Ab Takt 77 beruhigt sich das Ganze, jetzt hat es weniger Harmoniewechsel. Statt einer kleinen Terz rauf, verschiebt sich alle zweit Takte alles eine Terz nach unten.


A Summer Day In Retrospect

Dieses Stück hat etwas Unwirkliches. Traumwandlerisch folgt eine Episode der anderen, ohne dass ein thematischer Zusammenhang zwischen den elf Teilen besteht, welche nahtlos ineinander übergehen. Die Teile unterscheiden sich in ihrer Stimmung und in ihren Tempi. Formal ist es eine Reihungsform, wobei der Schlussteil dem Anfang ähnelt. Der Hörer kann dem Stück leicht folgen, denn es ist melodisch prägnant.


Dopo l’intro

In Richard Wagners Oper Rheingold schwingt der Gott Donner seinen Hammer. Dies geschieht kurz vor dem Einzug der Götter in Walhall. Die Nebel ziehen sich dabei um ihn zusammen bis ein Donnerschlag die Episode beendet. Die entrückte Stimmung und die meisterhafte Instrumentation gaben den Anstoss zu Dopo l’intro. Wie Pop und Jazz benutzt auch Wagner Terzverwandschaften in seinen harmonischen Wendungen. Das Stück folgt der Vorlage nicht buchstäblich und ist keine 1:1 Transkription für Oktett. Die Dauer des Stückes ist nur 4’20’’. Die Harmonien sind formal für diese kurze Dauer ausgelegt. Anders wäre das Stück ein Fragment. Es folgt Wagners Harmonien ungefähr, fügt neue Akkordwendungen hinzu und ändert an anderen Stellen Akkorde ab. Benutzt werden die gleichen harmonischen Formeln wie sie Wagner in diesem Abschnitt braucht: I → V, I → IV und Terzverwandtschaften. Die Terzverwandtschaften bewirken, dass es kein harmonisches Zentrum gibt. Das Stück moduliert durch den ganzen Quintenzirkel. Elf der zwölf Tonarten (respektive ihre Paralleltonarten) kommen vor.


Chicken Chase, Recycle, Brazen Tracer und Moo!

Diese vier Stücke sind der Teil des Repertoires, in dem die Musiker improvisieren können.

  • Bei Chicken Chase ist das ganze Stück offen für Improvisation ausser das Ende. Man kann melodiös oder mit Geräuschen improvisieren. Geräusche passen, weil die Posaune Autogeräusche imitiert: Gas geben, Bremsen und Schalten.
  • Bei Recycle kann man über den Riff-Teil, der in Takt fünf beginnt improvisieren.
  • Bei Brazen Tracer kann über die Takte 52-59 improvisiert werden. Es wird nicht, wie im Jazz, über einen Akkord aus geschichteten Terzen und dessen Tonleiter improvisiert sondern über die Tonleitern, die sich ergeben, wenn man zwei benachbarte Dreiklänge kombiniert: bei A-Dur und h-moll ist dies eine mixolydische Leiter, fügt man den sechs Tönen ein G hinzu. Kombiniert man E- und F-Dur oder g-Moll und A-Dur sind die Tonleitern andalusisch resp. ungarisch – exotische Tonleitern. Auch die anderen Teile des Stückes sind aus den drei Akkordzweiergruppen aufgebaut. Charakter und Stil bleiben somit über das ganze Stück gleich. Das Konzept beim Improvisieren ist, dass eine Phrase beim höheren Dreiklang beginnt und auf dem unteren endet – quasi wie ein Vorhalt. Man kann die Akkordpaare schichten wie man will, es dürfen aber keine kleinen Sekunden vorkommen.
  • Bei Moo! sind alle Teile offen für Improvisation. Es benutzt das Akkordschema von Arif Mardins Stück Strollin’ und verfeinert dieses mit zusätzlichen Stimmen.

Beteiligte


Niklaus Keller, Komposition und Organisation
Niklaus Keller wuchs in Thayngen und Schaffhausen auf. Nach dem erfolgreichen Abschluss seines Diplomstudiums für klassisches Schlagzeug am ehemaligen Musikkonservatorium Schaffhausen nahm er Kompositionsunterricht bei Hans U. Lehmann an der Hochschule für Musik in Zürich und später bei Paul E. Glass am Conservatorio della Svizzera italiana. Anschließend absolvierte er ein Masterstudium in elektroakustischer Komposition an der University of Birmingham unter Jonty Harrison.

Er unterrichtete zehn Jahre Schlagzeug an der Jugendmusikschule Pfannenstiel, organisierte mehrere Konzertprojekte und schrieb u.a. im Auftrag des Jugendstreichorchesters Zug, des Symphonischen Orchesters Zürich und des Orchestra Simfonicā Timisoara. Für das Labor Viollier in Basel produzierte er die Musik für audiovisuelle Präsentationen.

Nach längeren Aufenthalten in Berlin, Hamburg und Dresden, lebt er heute mit seiner Familie in Bologna. Er engagiert sich im Verband für Sehbehinderte, wo er bei verschiedenen Aktivitäten Menschen begleitet und bei der Erstellung von Noten in Braille-Musikschrift hilft.


Thomas Dobler, Vibraphon
Studierte klassisches Schlagzeug an den Musikhochschulen Zürich und Strasbourg und absolvierte ein Jazzstudium in Paris. 1998 gewann er den internationalen CHAIN Wettbewerb für Interpretation zeitgenössischer Musik und 2009 den Swiss Jazz Award. 2011 wurde er bei den US-amerikanischen Jazz Station Polls unter die Top Ten Vibraphonisten gewählt. Er ist Dozent und Studienleiter an der Jazzabteilung der HEMU Lausanne. Als Solist trat er mit dem MDR Sinfonieorchester und dem Zürcher Kammerorchester auf. Im Jazzbereich spielt er Tourneen in ganz Europa. Dabei pflegt er die Interpretation des Great American Songbook, vom Swing der 30er Jahre über Bebop bis Postbop. Sidemen sind hierbei Dado Moroni (p), George Robert (sax), Reggie Johnson (b), Sangoma Everett (dr) und Andy Scherrer (sax).


Vinz Vonlanthen, E-Gitarre
Autodidaktisches Studium und Absolvent der Swiss Jazz School Bern. Als Leader und Sideman tourt er mit verschiedenen Gruppen durch Europa und Japan. Er spielte Konzerte u.a. mit Barry Guy, Gerry Hemingway, Pierre Audetat. Mit Bänz Oester spielte er in der Band Aventure Dupont. Seit 2006 unterrichtet er Gitarre, Harmonielehre und Musiktheorie an der HEMU Lausanne.


Jean-Pierre Schaller, E-Bass
Berufsdiplom an der Jazzabteilung des Konservatoriums Montreux. Bassist, Komponist und Arrangeur in verschieden Bands. Unterrichtet Bass, Rhythmus und Ensemblespiel an der HEMU Lausanne. Er spielt auch in der Band Les Visiteur mit Vinz Vonlanthen und François Christe.


Axel Lussiez, Drums
auf Instagram


Yannick Barman, Flügelhorn


Valentin Conus, Tenorsaxophon


William Jacquemet, Posaune
Wurde 1984 in Frankreich bei Grenoble geboren. Er besitzt einen Master in Pädagogik mit Schwerpunkt Jazzposaune der Musikhochschule Lausanne und spielt auch Gitarre und E-Bass, welche er autodidaktisch erlernte. Aktuell arbeitet als Studiomusiker, Arrangeur und Lehrer. Er spielt Jazz, Electro, Afrobeat, Jamaikanische Musik, Afrokubanische Musik und Experimentelle Musik und ist am Montreux Jazz Festival, am Cully Jazz Festival und am Paleo Festival aufgetreten. Er stand mit Benny Golson, Alex Sipiagin, Robert Bonisolo, Didier Lockwood auf der Bühne und spielt in folgenden Formationen: PROFESSOR WOUASSA (AfroBeat), L’ORQUESTA LA PUNTUALIDAD (Salsa), THE BIG UP‘ BAND (Big Band/Jazz) etc.


Nicolas Ziliotto, Synthesizer


© 2022 Niklaus Keller